KI-Forum· Thomas Morawek· 27. Mai 2026· 7 Min Lesezeit

AI-Act-ready in 90 Tagen: Artikel-4-Konformität ohne Panik

Artikel 4 ist seit Februar 2025 anwendbar — wer strukturiert startet, erfüllt die KI-Kompetenz-Pflicht in einem Quartal. Der 90-Tage-Plan.

KI-Forum-Sketchnote: AI-Act-ready in 90 Tagen: Artikel-4-Konformität ohne Panik
Artikel 4 ist seit Februar 2025 anwendbar — wer strukturiert startet, erfüllt die KI-Kompetenz-Pflicht in einem Quartal. Der 90-Tage-Plan.
Klartext

In 90 Tagen lässt sich Artikel 4 EU AI Act strukturell erfüllen, wenn die Reihenfolge stimmt: Inventur, Risiko-Einordnung, Policy, Schulungskonzept, Dokumentation. Wer mit „Schulung kaufen“ beginnt statt mit „wissen, was wir haben“, investiert an den realen Use-Cases vorbei.

Evidenz-Tier 1: Verordnung (EU) 2024/1689 Art. 4 anwendbar seit 2. Februar 2025.

Auf einen Blick

Dieser Beitrag ist Teil der Wissensbasis rund um das KI-Forum Linz am 24. Juni 2026 im OÖNachrichten Forum. Autor: Thomas Morawek, Co-Gründer KI-Forum.

Artikel 4 ist keine „Nice-to-have-Schulung", sondern ein Strukturauftrag: Wer nicht weiß, wo KI im Einsatz ist, kann keine Kompetenz nachweisen. Der 90-Tage-Plan kombiniert Inventur, Risiko, Policy und Schulung in fünf machbaren Etappen.

Warum 90 Tage realistisch sind

Drei Monate sind genug, um Artikel 4 strukturell zu erfüllen — wenn die richtige Reihenfolge eingehalten wird. Viele Mittelständler scheitern daran, dass sie mit „Schulung kaufen" beginnen statt mit „wissen, was wir haben". Der Effekt: teure Schulungs-Pakete, die an den realen Use-Cases vorbeigehen.

Woche 1–2: Schatten-KI-Inventur und Use-Case-Mapping

Am Anfang steht die ehrliche Bestandsaufnahme. Eine anonyme Umfrage, Interviews mit Schlüsselrollen und ein Halbtags-Workshop reichen oft aus, um alle produktiven und inoffiziellen KI-Nutzungen sichtbar zu machen. Ergebnis ist ein Inventar: Tools, Daten, betroffene Prozesse und Personen. In den meisten KMU finden sich 5–10 nicht freigegebene Tools — von ChatGPT-Privat-Accounts bis Browser-Plugins.

Wichtigster Tipp Woche 1Inventur nicht als Sanktions-Übung framen. Wer ehrliche Antworten will, muss Straffreiheit zusichern — sonst werden Tools versteckt statt offengelegt.

Woche 3–4: Risiko-Einordnung und Hochrisiko-Abgrenzung

Im zweiten Schritt wird jedes KI-System grob bewertet: Welche Daten fließen hinein, welche Entscheidungen beeinflusst es, welche Personen sind betroffen? Daraus ergibt sich die Einordnung in Minimal-, begrenztes oder Hochrisiko. Anwendungen mit Nähe zu Annex-III-Bereichen — HR-Selektion, Kredit-Screening, Biometrie — werden gesondert markiert und einem strikten Freigabe-Prozess unterworfen.

Woche 5–6: KI-Richtlinie und Rollenmodell

Mit der Inventur im Rücken entsteht eine KI-Richtlinie: Geltungsbereich, Rollen und Verantwortlichkeiten, zulässige und unzulässige Nutzung, Transparenzregeln, Umgang mit Schatten-KI und Incident-Meldungen. Parallel wird ein Rollenmodell definiert: Wer ist KI-Owner, wer ist Ansprechpartner in IT und Datenschutz, wer entscheidet über neue Tools?

Woche 7–8: Schulungskonzept und Content

Erst jetzt geht es wirklich um Schulungen. Aus den Use-Cases und Rollen leitet das Unternehmen drei Ebenen ab: Awareness für alle Mitarbeitenden, vertiefte Trainings für Power-User und Spezialformate für Führungskräfte und Governance-Rollen. Inhalte basieren auf den eigenen Prozessen und Tools — nicht auf generischen „Was ist KI?"-Kursen.

Woche 9–12: Pilot-Trainings und Dokumentation

Zum Abschluss werden erste Trainings durchgeführt, Feedback eingesammelt und die Teilnahme dokumentiert. Wichtig ist ein sauberer Nachweis: Wer hat welches Training wann absolviert, welche Inhalte wurden vermittelt, welche Materialien gibt es? So entsteht ein auditierbarer Pfad für Aufsichtsbehörden.

Artikel 4 lässt sich nicht durch Schulungsbudget erfüllen. Er lässt sich durch eine saubere Reihenfolge erfüllen: erst Inventur, dann Risiko, dann Policy, dann Schulung, dann Dokumentation.

Zum Mitnehmen

Häufige Fragen

Brauchen wir teure Zertifikatsprogramme?
Nein. Für die meisten Mittelständler reicht ein rollenspezifisches Schulungskonzept mit internen und ausgewählten externen Formaten. Wichtig ist die Passung zu den eigenen Use-Cases und die Dokumentation. Generische LinkedIn-Learning-Kurse können ein Baustein sein, ersetzen aber nicht die Sensibilisierung für konkret eingesetzte Tools.
Was ist, wenn wir noch gar keine KI einsetzen?
Dann ist der Aufwand geringer, aber nicht null. Schatten-KI taucht fast immer auf, und Artikel 4 fordert dennoch grundlegende Literacy. Ein schlanker Prozess mit Inventur, Policy light und Awareness-Schulung ist trotzdem nötig.
Wie tief müssen wir Hochrisiko-Themen verstehen?
Eine grobe Orientierung reicht, ob Anwendungen in Annex-III-Nähe liegen, plus eine klare Regel: Hochrisiko-Kandidaten werden nur mit spezialisierter Beratung und explizitem Management-Beschluss umgesetzt. Tieferes Spezialwissen ist nur für die Verantwortlichen dieser Use-Cases nötig.
Wer ist im Unternehmen verantwortlich?
Verantwortlich sind „Anbieter" (KI-Entwickler) und „Betreiber" (Nutzer im eigenen Unternehmen). Für Mittelständler ist meist die Betreiber-Rolle relevant. Die Nachweis-Pflicht betrifft das gesamte Personal, das mit KI-Systemen befasst ist — nicht nur die IT-Abteilung.
Was passiert bei Nicht-Erfüllung?
Bußgelder bis zu 7 % des weltweiten Jahresumsatzes oder 35 Mio EUR für verbotene Praktiken nach Kapitel II. Für reine Compliance-Verstöße geringere, aber signifikante Bußgelder. Wichtiger als die Sanktion ist oft das Reputations- und Haftungs-Risiko bei einem KI-Vorfall.
Wann sollten wir starten?
Sofort. Artikel 4 gilt seit 2. Februar 2025. Ab 2. August 2026 werden die meisten anderen Bestimmungen anwendbar — bis dahin sollten Sie nicht nur die Kompetenz-Pflicht abdecken, sondern auch die Inventur stehen haben, weil sie Voraussetzung für die nächsten Schritte ist.
Thomas Morawek
Thomas Morawek Zertifizierter Chief AI Officer (CAIO) · Geschäftsführer COMO GmbH · Co-Gründer KI-Forum · Linz
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